Schnauzbert Adventskalender

Bild: Miriam Suckow

Signal oder Kommando?

Nicht nur eine Frage der Einstellung und des Erziehungsstils

Immer wieder begegnen uns, wenn wir uns mit dem Training von Hunden, Katzen und anderen Haustieren beschäftigen, die Begriffe “Signal” und “Kommando”. Und auch wenn sie umgangssprachlich oft gleichgesetzt werden, gibt es doch gravierende Unterschiede, nicht nur in der Bedeutung, sondern auch in der Benutzung und den Auswirkungen, die die Benutzung von bestimmten Wörtern auf unser Denken und Fühlen hat.  Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen und der bewusste Umgang damit empfinde ich als besonders wichtig, weil er so große Auswirkungen auf den Alltag und Umgang mit unseren Hunden und Katzen haben kann.

  • Sprache verändert unser Denken
  • die Wortwahl kann zu einer gefühlten Legitimierung oder gefühlten Verpflichtung zu Sanktionen führen (Kommando)
  • Die Natur kennt keine Kommandos, nur Signale

Definitionen

Umgangssprachlich werden beide Begriffe im Bereich Tiertraining und -erziehung ganz oft gleich gesetzt: Wenn man von seinem Tier möchte, dass es sich hinsetzt, solle man das Kommando für “Sitzen” geben, in der Regel als Befehl mit Ausrufezeichen und gewichtiger Stimme: “Sitz!”. Wird dann der Befehl vom Tier nicht ausgeführt, heißt es oft, das Tier sei stur, widersetze sich, wolle seine Grenzen austesten und besonders bei Katzen, es sei nicht trainier- und nicht erziehbar. Die gute Nachricht ist: Das Gegenteil ist der Fall.

Wenn ich das Wort Kommando höre, macht das etwas mit mir, ich habe eine bestimmte Erwartung und Vorstellung, Bilder und verknüpfte Begriffe kommen mir in den Sinn: Befehl, Armee, Kadavergehorsam, Gleichschritt, unangenehme Konsequenzen bei Nicht-Erfüllung. Da ist kein Platz für das Individuelle, für persönliche Befindlichkeiten oder Bedürfnisse, für Fragen nach dem Sinn und Zweck. Einzig und allein die sofortige und korrekte Ausführung des Befehls bzw. Kommandos ist wichtig. Die Nichtausführung legitimiert entsprechende Sanktionen (Befehlsverweigerung, Kriegsgericht). Es schwingt eine gewisse Strenge und auch Hierarchie mit: Befehlsgeber und Befehlsempfänger.

Ein Signal dagegen ist ein Reiz mit Bedeutung, es überträgt Informationen: Im Tiertraining bedeuten Signale, dass jetzt die Möglichkeit für ein bestimmtes Verhalten und damit für eine bestimmte Belohnung besteht. Als Bild kommt mir eine Ampel oder an eine Licht- oder Tonwelle in den Sinn. Der Begriff ist mit Kommunikation, Austausch und Verständigung assoziiert. Signale sind Orientierungshilfen, Anhaltspunkte. Sie lassen Spielraum.

Bei einem Signal ist Platz für all das, wofür beim Kommando kein Platz ist. Vor allem gibt es keine Angst vor Konsequenzen, wenn das Signal nicht befolgt wird. Denn es ist nur ein Angebot, eine Entscheidungshilfe, welches lohnende Verhalten jetzt gezeigt werden könnte. Wird es nicht befolgt, passiert … Nichts!

Was ist nun der Unterschied?

Überträgt man die beiden Begriffe nun auf das Training und die Erziehung von Hund und Katze, ergeben sich einige Unstimmigkeiten, zumindest beim Kommando. 

Die Natur kennt keine Kommandos – es handelt sich dabei um ein menschliches Konzept. Nirgendwo in der Natur gibt es unbedingten Gehorsam bin hin zur Selbstaufgabe oder Selbstverletzung. Es gibt nur Hinweise auf Gutes oder Schlechtes.

Der für mich gravierende Unterschied zwischen einem Signal und einem Kommando oder Befehl liegt im Platz für die Individualität. Wir alle sind Individuen, wir als Menschen genauso wie unsere Tiere.

Manchmal kann man auf eine Aufforderung hin etwas nicht tun: weil es zu gefährlich ist, weil die Bewegung weh tut oder weil man viel zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen ist. Darum frage ich meine Katzen auch immer gern “Kannst du … Sitzen?”. Das klingt für mich viel freundlicher als ein “gebelltes” “Sitz!” – da schwingt immer so ein angedrohtes “sonst …” mit.

Diese andere Formulierung erinnert mich immer wieder daran, dass es nur ein Angebot an mein Tier ist, sich jetzt Click und Belohnung zu verdienen: Sie darf, aber muss nicht. Und wenn sie sich dafür entscheidet, das Angebot nicht anzunehmen, folgen keine unangenehmen Konsequenzen.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich nicht nur Signale in unserem gemeinsamen Vokabular und Werkzeugkasten, sondern auch das eine oder andere Kommando. Ein Kommando im Tiertraining ist für mich etwas, das jetzt passiert, egal ob das TIer das gut findet oder nicht. Zum Beispiel muss ich irgendwann los, wenn ich einen Termin habe. Dann müssen die Katzen vom Balkon reinkommen, damit ich die Balkontür schließen kann – es wäre zu gefährlich, sie unbeaufsichtigt allein draußen zu lassen, trotz Katzennetz. Wenn sie dann nicht auf Signal freiwillig reingehen, kündige ich ein Hochheben an, nehme die Katze hoch und trage sie hinein. Das wird natürlich belohnt und drinnen gibt es viele tolle Futterpuzzle, die sie dann leeren können. Durch unser Training passiert das auch nur äußerst selten, dass ich so etwas wie “reingehen” durchsetzen muss. In der Regel klappt es freiwillig.

Im Video sehen wir erlernte Signale, die ein Verhalten auslösen: Baki hat gelernt, auf Signal zu gähnen. Luna legt auf Signal ihre Pfote in meine Hand, senkt ihren Kopf oder bringt ihre Nase in die Nähe meines Fingers. Würden sie nach dem Signal nicht das erlernte Verhalten zeigen, lächle ich und denke darüber nach, warum es nicht geklappt hat: haben sie noch nicht verstanden, was sie machen sollen, ist die Ablenkung gerade zu groß oder gibt es vielleicht körperliche Probleme, warum ein Verhalten gerade nicht ausgeführt werden kann?

Sprache schafft Wirklichkeit

Ludwig Wittgenstein hat gesagt: “Sprache schafft Wirklichkeit”. Und er hat so Recht damit. Je nachdem, welche Worte ich benutze, ist meine Erwartungshaltung und Stimmung, die sich natürlich auch über die Tonlage, Lautstärke und den Ausdruck transportiert. Darum achte ich sehr auf meine Wortwahl. Zum Beispiel rede ich nie von Tierbesitzern (wie soll man ein Lebewesen mit einer Persönlichkeit und einer Seele besitzen) sondern vielmehr von Bezugspersonen. Dieses Wort trifft die Beziehung, die ich zu meinen Tieren habe und auch haben möchte, viel genauer. Genau so ist es mit den Signalen und Kommandos im Training. Ich bitte vielmehr um ein Verhalten als dass ich danach verlange, weil ich kein Befehlsgeber und meine Tiere keine Befehlsempfänger sind. Es hat auch etwas mit Wertschätzung für diese Tiere und ihre Persönlichkeiten und letztendlich mit Liebe und Respekt zu tun. Freundliche und wertschätzende Sprache erzeugt eine freundliche und wertschätzende Atmosphäre.

Wie die Wortwahl meinen Katzenalltag beeinflusst und verändert

Diese Sichtweise ist Teil einer ganz bestimmten Art, mit seinen Mitgeschöpfen umzugehen. Ich selbst habe mich ganz bewusst dafür entschieden, auf die Bedürfnisse meiner Tiere zu achten, diese wahrzunehmen und auch zu erfüllen. Ja, ich richte einen großen Teil meines Lebens nach meinen Tieren aus. In der Regel bekommen sie das, wonach sie fragen. Das nimmt im Zusammenleben ganz viel Stress, Frustration und Unsicherheit auf beiden Seiten raus.

Meine Katzen wissen, dass ich auf eine ganz bestimmte Art reagiere, wenn sie dieses oder jenes tun. So hat Baki gelernt, wenn er ein Bedürfnis hat, bei dem er meine Hilfe braucht, zu mir zu kommen und seine Pfote auf meinen Fuß oder meinen Arm zu legen. Ich stehe dann auf und gehe mit ihm zu dem Ort, an dem sein Bedürfnis gestillt werden kann: Er geht dann zum Futternapf, zu einem bestimmten Spielzeug, zu dem Ort an dem wir immer bürsten oder zur Balkontür, wenn er hinaus gelassen werden möchte. So haben wir miteinander und füreinander ein gemeinsames Vokabular entwickelt, um uns miteinander zu verständigen. Das macht das Zusammenleben so viel inniger und schöner – beide Seiten profitieren davon, wenn eine Katze nicht nur nebenher läuft, sondern wahrgenommen wird und ein echtes miteinander Leben stattfindet.

Ein glückliches, entspanntes Tier zeigt weniger oder gar kein unerwünschtes Verhalten. Unerwünschtes Verhalten entsteht ganz oft in Situationen, die Frustration verursachen. Dagegen tun wir etwas, indem wir unsere Tiere wahrnehmen und ihre Wünsche so weit wie möglich erfüllen.

Eine bewusste Wortwahl, wie in diesem Fall bei “Signal” und “Kommando”, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Zusatzinfo

In diesem TED-Talk spricht Lera Boroditsky genau über dieses Thema: Wie Sprache unser Denken – und damit unser Handeln – beeinflusst.