Schnauzbert Adventskalender

Die Sache mit der Strafe

Signal oder Kommando - Katze macht High Five mit angebotener Hand

Bild: Miriam Suckow

Vermutlich kennt jeder Mensch, der mit Tieren zusammenlebt mindestens ein Verhalten, das ihn an seinem tierischen Mitbewohner stört und von dem er möchte, dass das Tier damit aufhört. Eine Möglichkeit – von vielen – ein Haustier zu erziehen ist es, unerwünschtes Verhalten zu bestrafen. Das kann im Alltag verschiedene Dimensionen annehmen – ein einem so genannten “bestimmten Nein” oder einem drohenden “Ähäh” über ein Stupsen oder einen Leinenruck bis hin zu anderen Maßnahmen, die das Tier ängstigen, erschrecken oder ihm Schmerzen zufügen – mal mehr, mal weniger. Alle Varianten haben aber eins gemeinsam: Strafe wirkt entweder über die Emotion Angst oder über die Emotion Frustration. Beides sind Emotionen, die wir im Zusammenleben mit unseren tierischen Begleitern vermeiden möchten, denn sie belasten unser Verhältnis zueinander.

  • Strafe ist nicht gleich Strafe, umgangssprachlich eine andere Bedeutung als in der Trainingslehre
  • Es gibt ängstigende Strafe und frustrierende Strafe

Was heißt das überhaupt – Strafe?

Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich das Wort “Strafe” erst einmal definieren, so dass es keine Missverständnisse gibt und wir nicht “aneinander vorbei reden”. Als Strafe bezeichnen wir umgangssprachlich eine Aktion, die aufzeigen soll, dass ein Verhalten in den Augen des Strafenden nicht akzeptabel ist. Bei unseren Haustieren denken wir schnell an so etwas wie Anschreien, Händeklatschen, mit Wasser bespritzen oder (weiche) Gegenstände auf oder in die Nähe des Tieres werfen. Es schwingt ein wenig Gewalt mit, und dass das Tier bewusst etwas falsch gemacht hat und die Strafe verdient.

In der Lerntheorie bezeichnen wir mit einer Strafe erst einmal nur eine Konsequenz, die auf ein Verhalten folgt. Tritt dieses Verhalten in Zukunft seltener auf, war die Konsequenz eine Strafe. Tritt das Verhalten häufiger auf, war die Konsequenz ein Verstärker. In diesem Artikel verwende ich die lerntheoretische Bedeutung, wenn ich von einer Strafe spreche. Die Worte “Strafe” und “Verstärkung” sind vollkommen wertfrei, sie sind rein beschreibend gemeint.

In der Lerntheorie (die vier Quadranten der operanten Konditionierung, B. F. Skinner) gibt es zwei Arten von Strafe:

  • die ängstigende Strafe (sog. positive Strafe = etwas Unangenehmes kommt hinzu) und
  • die frustrierende Strafe (sog. negative Strafe = etwas Angenehmes hört auf).

Die Begriffe „positiv“ und „negativ“ sind dabei nicht wertend im Sinne von „gut“ oder „schlecht“, sondern rein mathematisch gemeint: im Sinne von positiv = „etwas hinzufügen“ und negativ = „etwas wegnehmen“.

Darum gehören nicht nur weiter oben genannte Beispiele zur Strafe, sondern auch so etwas wie Ignorieren, Aussperren, bedrohlich empfundene Körpersprache sowie unerwünschtes Festhalten, Hochheben, Bekuscheln oder ähnliche Zwangsmaßnahmen kommen beim Tier als lerntheoretische Strafe an – egal wie gut der Mensch es vielleicht meint.

Das Tier kann also etwas, das wir gar nicht als Strafe meinen, als solche auffassen. Die Strafe (und auch die Verstärkung) entsteht erst im Kopf deines Tieres, und zwar dadurch, wie das Gehirn die Situation bewertet und wie dein Tier dabei empfindet, z. B.:

  • wir sperren die Katze über Nacht aus dem Schlafzimmer aus, weil sie uns wach hält → Ignorieren, Entzug von sozialer Interaktion → Strafe
  • der Topfdeckel fällt versehentlich scheppernd zu Boden → der Hund erschreckt sich → Strafe
  • die Katze verfängt sich mit der Kralle und verletzt sich → Schmerzen → Strafe
  • der Hund vertritt sich beim Spielen → Schmerzen → Strafe

Nicht vergessen: Wenn ich hier von Strafe spreche, meine ich damit die lerntheoretische Bedeutung des Wortes „Strafe“, nicht die umgangssprachliche.

Lerntheoretisch bedeutet Strafe, dass entweder etwas Unangenehmes folgt (hinzu gefügt wird) oder etwas Angenehmes beendet wird (vorenthalten wird).

Regeln für Strafe

Dass Strafe funktioniert, wenn sie regelkonform eingesetzt wird, steht dabei außer Frage. Wird sie nicht regelkonform eingesetzt, gerät man jedoch schnell in eine Spirale aus Gewalt, Misstrauen und Angst. Es benötigt beim Menschen, wenn er sich dafür entscheidet, Strafe einzusetzen, sehr viel Geschick, Wissen und gutes Timing, sonst handelt es sich nicht mehr um Strafe sondern um Vergeltung oder Rache für ein unerwünschtes Verhalten.

Damit Strafe überhaupt funktionieren kann, muss sie bestimmten Regeln folgen – das meine ich mit dem regelkonformen Einsatz. Das Tier hat sonst keine Chance, zu verstehen auf welches Verhalten sich die Strafaktion bezieht:

  • Räumliche und zeitliche Nähe:
    Die Strafe muss unmittelbar nach dem unerwünschten Verhalten erfolgen. Das heißt innerhalb von einer Sekunde nach Beginn des Verhaltens (spätestens unmittelbar nach Ende des Verhaltens), sonst kann keine Verknüpfung der beiden Ereignisse stattfinden. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Bezugsperson anwesend sein muss, wenn das unerwünschte Verhalten begonnen wird.
  • Folgerichtigkeit:
    Die Strafe muss immer erfolgen, wenn das Tier das unerwünschte Verhalten zeigt. Geschieht das nicht, lernt es nur, das unerwünschte Verhalten in Abwesenheit der (strafenden) Bezugsperson zu zeigen, bzw. sucht sich einen anderen, sicheren Ort für ihr Verhalten. Auch hier muss der Mensch zugegen sein, und zwar 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche.
  • Das richtige Maß:
    Die Strafe muss genau die richtige Intensität haben: ist sie zu mild, verfehlt sie ihre Wirkung, ist sie zu stark, stresst oder ängstigt sie das Tier zu stark. Es wird dabei kein Alternativverhalten (= richtiges, erwünschtes Verhalten), sondern vielmehr ein Meideverhalten erzeugt. Es kommt auch vor, dass eine Katze sich an einen Strafreiz gewöhnt, so dass die Strafe immer wieder wiederholt und die Intensität immer weiter erhöht werden muss. Ein weiterer Teufelskreis.
  • Ankündigung:
    Strafe muss angekündigt werden, damit das Tier die Chance hat, sein Verhalten zu verändern. Strafe darf nicht willkürlich sein oder eingesetzt werden.

Achtung – Fehlverknüpfungen!

Wir können nie mit Sicherheit sagen, womit genau das Tier den Strafreiz verknüpft. Unsere Hunde und Katzen nehmen gleichzeitig mehr als nur einen Reiz wahr: während das Tier z. B. mit der Wasserspritze gestraft wird, sieht sie einen Menschen an, gleichzeitig hört sie ein Geräusch, steht auf dem Teppich, ist an einem bestimmten Ort, nimmt bestimmte Gerüche wahr. Wir können unmöglich vorhersagen, mit welchem dieser wahrgenommenen Reize die Strafe verknüpft wird. Es gibt also viel “Konkurrenz” zu der Verknüpfung, die eigentlich mit der Strafe gemeint ist.

Nur wenn alle diese Regeln eingehalten werden, kann eine Strafe funktionieren – was in den meisten Fällen jedoch unrealistisch ist – wer ist schon 24/7 da und passt auf? Es gibt einen weiteren Zusammenhang, der den Einsatz von Strafe zur Verhaltensveränderung zu keiner guten Idee macht: die variable Verstärkung. Denn jedes Mal, wenn das Tier das unerwünschte Verhalten zeigen kann, ohne die strafende Konsequenz, weil der Mensch nicht da ist, nicht aufpasst, oder weil die Katze sich eben andere Stellen oder Zeiten für ihr Verhalten gesucht hat, wird die Ausführung verstärkt. Und der gefühlte Erfolg – und damit die Verstärkung – ist dann umso größer, weil nicht nur das eigentliche Verhalten ausgeführt werden konnte, hinzu kommt der Erfolg, die Strafe vermieden zu haben. Diese Kombination macht das unerwünschte Verhalten sehr viel robuster und sorgt dafür, dass es weiter – im Geheimen – ausgeführt wird, vielleicht sogar mit noch größer Vehemenz.

Und selbst dann, wenn eine Strafe regelgerecht durchgeführt werden kann, weiß das Tier immer noch nicht, welches erwünschte Verhalten sie stattdessen zeigen könnte, um ein aktuelles Bedürfnis zu befriedigen oder um die eigene Situation zu verbessern und sich damit besser zu fühlen. Strafen erzeugen kein erwünschtes Verhalten! Das müsste also zusätzlich erlernt werden, egal ob gestraft wird oder andere Wege gegangen werden.

Bedürfnisse und Verhalten

Wir dürfen außerdem nie vergessen, dass ein Verhalten, egal ob erwünscht oder unerwünscht, immer einen Grund hat. Es entsteht nicht einfach so oder weil das Tier die Bezugsperson ärgern möchte, sondern aufgrund von körperlichen und / oder emotionalen Ursachen. Wenn wir dann durch eine Strafe ein Verhalten hemmen, ist die Ursache für das Verhalten, also das Gefühl, die Emotion oder auch der körperliche Zustand, der das Verhalten entstehen lässt, nicht automatisch verschwunden. Die Ursache ist noch da – und das Verhalten sucht sich dann womöglich andere Wege oder andere Orte.

Erziehung ist Vertrauenssache – zwischen dir und deinem Tier

Jedes Verhalten hat Konsequenzen, auch das Verhalten eines Menschen gegenüber seinem tierischen Begleiter. Eine strafbasierte Erziehung führt bei Hund und Katze mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu, dass sie dem strafenden Menschen immer mehr vertrauen. Sie werden vielmehr beginnen, ihre Bezugsperson als unberechenbar wahrzunehmen – sie verlieren das Vertrauen. Es gibt Hunde und Katzen, die, besonders bei bedrohlichen Strafen, um ihre Sicherheit fürchten und mit Aggressionsverhalten reagieren. Und es gibt Hunde und Katzen die sich einfach mehr und mehr zurückziehen oder (besonders Katzen) ihre eigenen Wege gehen – wenn sie können. Keine dieser Optionen ist schön oder erstrebenswert – und schon gar nicht notwendig. Es geht auch anders: Hunde und Katzen können so viel lernen, und sie lernen so viel besser, wenn wir dabei gemeinsame Wege gehen, anstatt sie zu unterdrücken, ihre Bedürfnisse zu ignorieren oder gegen sie arbeiten.

Vertrauensvolle Situation zwischen Katze und Mensch.

Fazit

Die Regeln der Strafe einzuhalten ist also gar nicht so leicht. “Strafen” müssen in den meisten Fällen immer wieder wiederholt werden oder intensiver und härter werden, damit Hund und Katze weiterhin abgeschreckt wird. Viel effektiver (und vor allem schöner) ist es, ihnen ein alternatives Verhalten beizubringen, das uns gefällt und das für sie erstrebenswerter ist als das unerwünschte Verhalten. Nett zu unseren Hunden und Katzen zu sein, fühlt sich auch für uns Menschen gut an!

Das bedeutet: Es reicht nicht, Hund und Katze zu sagen, was sie nicht tun sollen. Sag ihr doch einfach, was sie stattdessen tun kann, um ihr Bedürfnis zu stillen. Sie kann lernen, dass sie sich sogar eine Belohnung verdienen kann, indem sie ein alternatives Verhalten zeigt:

  • Anstatt auf den Tisch zu springen, kann die Katze lernen, unten zu warten (alle vier Pfoten mit Bodenkontakt).
  • Anstatt fremde Menschen anzuspringen, kann der Hund lernen, mit allen vier Pfoten am Boden zu bleiben.
  • Anstatt an der Couch zu kratzen, kann die Katze lernen, am Kratzbaum zu kratzen.
  • Anstatt unerlaubte Dinge zu zerstören, kann der Hund lernen, freigegebene Dinge wie Pappkartons zu zerschreddern.
  • Anstatt zu beißen, zu kratzen oder abzuschnappen wenn Hund und Katze nicht gestreichelt werden möchten, können sie lernen, ein anderes Signal zu geben, wenn sie keinen Körperkontakt haben möchten, z. B. den Kopf abwenden oder die Pfote heben.

Hund und Katze zu fragen, was sie möchten, kann so einfach sein. Wenn sie etwas möchten, gehen sie mit dem ganzen Körper oder mit einzelnen Körperteilen (z. B. mit dem Kopf) näher heran (Distanzverringerung) oder halten den Kontakt, wie Katze Luna im Video: Sie drückt sich richtig in die Hand.